Vortrag zur Phänomenologie und Archäologie des Filmfragments "Theresienstadt"

26. Juni 2019

Kolloquien des Instituts für Soziologie

Zeitraum
26.06.2019
16:00 Uhr (bis 18 Uhr)

Ort
Gebäude 2 der FernUniversität in Hagen, Raum 6, Universitätsstr. 33, 58097 Hagen

Referent/-in
Dr. phil. Ehrhardt Cremers,
Technische Universität Dresden.
Ehrhardt Cremers war von 1992 bis zur Pensionierung zum Wintersemester 2015 wissenschaftlicher Leiter der eigenständigen Forschungsstelle "Kultursoziologie: Kommunikation – Wissen – Ästhetik" am Institut für Soziologie der Technischen Universität Dresden.

Um die wissenschaftliche Beschäftigung mit historischen Bilddokumenten geht es beim nächsten Kolloquium des Instituts für Soziologie der FernUniversität in Hagen am Mittwoch, 26 Juni. Sozialwissenschaftler Dr. Ehrhardt Cremers (Technische Universität Dresden) spricht über „Methodologische und methodische Annotationen zu einer kultur- und medien-geschichtlichen Phänomenologie und Archäologie des Filmfragments 'Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet aus dem Jahre 1944/1945'“. Beginn ist um 16 Uhr im Gebäude 2 (Seminargebäude) der FernUniversität in Hagen, Raum 6, Universitätsstr. 33, 58097 Hagen. Auch die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich eingeladen. Die Veranstaltung ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Die Reihe „Kolloquien des Instituts für Soziologie“ findet unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs statt.

Abstract des Referenten

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„Am Phänomen des im Titel genannten Filmfragments werden der theoretische Zugang und die methodologische und methodische Sperrigkeit historischer Bilddokumente im Kontext einer kulturgeschichtlichen Fragestellung gegenständlich gemacht. Der im Spätsommer des Jahres 1941 unter der Regie des bekannten deutschen Schauspielers, Kabarettisten und Regisseur Kurt Gerron im Ghetto und Durchgangslager Theresienstadt abgedrehte Film ist eher eine historiographische Marginalie; nicht so allerdings in den höchst widersprüchlichen Diskursen der gegenwärtigen Erinnerungskultur und Identitätspolitik darüber, wie die historisch-politische Bedeutung zu beurteilen und zu bewerten ist, die diesem Lagers innerhalb der – im euphemistischen Jargon der NS-Führungskader – so genannten »Endlösung der Judenfrage« zugedacht ist. Viele grundsätzliche Fragen über Personen, Sachverhalte und Ereignisse bleiben weiterhin strittig oder gänzlich unbeantwortet.

Der Film selbst, mit einer Gesamtlänge von etwa 90 Minuten, gilt als verschollen und die Geschichte der Auffindung – der jetzt an verschiedenen Orten archivierten Fragmente – gleicht geradezu einem kriminalistischen ›Abenteuer‹. Ebenso abenteuerlich wie widersprüchlich zeigt sich die Rezeptions- und Interpretationsgeschichte des Films, die durch die gefundenen Fragmente immer wieder neu angestoßen wird und die in meiner Monographie zu diesem Film erstmalig systematisch in ihren jeweiligen Phasen nachgezeichnet und analysiert wird. Trotz aller Bemühungen, den Film einseitig als gezielte Propaganda der SS auszulegen, hat gerade seit dem letzten Jahrzehnt die Frage nach der Bedeutung dieser Szenenfragmente für die Historiographie Theresienstadts zu neuen Kontroversen – nicht nur in den historischen Wissenschaften – geführt. In diesen Kontroversen ist zu beobachten, dass Theresienstadt im Laufe der Zeit immer mehr zum Palimpsest, Interpretament und Zankapfel einer ganz eigentümlichen Schichtung und Aspekthaftigkeit von Deutungslinien wird, in denen sich – auf internationaler Ebene – Historiker, Soziologen, Zeitzeugen, Gedenkstätten, Museen, Medienmacher, Publizisten und Literaten gegenwärtig um die Deutungshoheit und um das Recht an der historischen Wahrheit streiten.

Die Argumentation des Vortrages folgt der von mir getroffenen methodologischen Basisannahme, dass in jeder Interpretation und Analyse einer visuellen Darstellung zwischen der Produktionslogik einerseits und der Rezeptionslogik andererseits strikt zu unterscheiden ist. Im Gegensatz zur Produktionslogik, die die Frage danach stellt, ob in den Bildern mehr gezeigt wird als tatsächlich zu sehen ist, antwortet die Rezeptionslogik auf die Frage danach, ob in den überlieferten Bildern mehr zu sehen ist als tatsächlich gezeigt wird. Dieser methodische Ausgangspunkt folgt methodologisch den strengen phänomenologischen Untersuchungen zum literarischen Kunstwerk von Roman Ingarden. Insbesondere übernehme ich hier die – aus Husserls Phänomenologie abgeleitete – Bestimmung der Aspekthaftigkeit intentionaler Gegenstände, die auch für das Kunstwerk Geltung haben. Des Weiteren folge ich Ingarden in der Bestimmung des Kunstwerkes als ein »schematisches Gebilde«, das besonders in den »gegenständlichen Schichten« eine ganze Reihe von »Unbestimmtheitsstellen« enthält. Darüber hinaus übernehme ich in der weiteren theoretischen und methodologischen Begrifflichkeit die Unterscheidung vom Impliziten Leser bei Iser einerseits und vom Impliziten Autor bei Booth andererseits. Der Produktionslogik ordne ich – entsprechend dieser Unterscheidung – die Instanz des Impliziten Rezipienten und der Rezeptionslogik die Instanz des Impliziten Produzenten zu.

Im Gegensatz zur historiographischen Deutung des Films lautet die zentrale These des Vortrages, dass die gezeigten Bilder keine Repräsentationen einer fiktiven Wirklichkeit sind, sondern die erfundenen Repräsentationen von realgeschichtlichen Ereignissen.“

proe | 19.06.2019