Moritz Lenz

Tastatur statt Hobel: vom Zimmerer-Meister zum Wirtschaftsinformatiker

Zwei Zimmerleute bauen Strohballen in ein flachgeneigtes Dach ein. Foto: Adina Lange
Ökologisch wertvoll: Als Zimmerer baute Moritz Lenz zusammen mit einer Kollegin ein Strohballenhaus.

Moritz Lenz ist kein Einzelfall. Der 25-Jährige studiert an der FernUniversität in Hagen – wie rund 75.000 andere auch. Er ist ohne Abitur, als sogenannter Beruflich Qualifizierter, an die Hagener Hochschule gekommen – wie rund 8.000 andere auch. Er bekommt ein Deutschlandstipendium – wie immerhin noch knapp 26.000 andere bundesweit auch.

Wo der Blick auf seine Biografie allerdings sofort hängen bleibt: Mit 21 Jahren hatte Lenz bereits eine Ausbildung zum Zimmerer absolviert und den Meister-Titel in der Tasche. „Ich hatte andere Startbedingungen.“ Lenz stammt aus einer Handwerkerfamilie in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz und hat die Realschule besucht. Sein Ausbildungsweg war vorgegeben – durch seine Familie und das Umfeld. „In der Schule war ich nicht so gut“, guckt er zurück. Er hat sich freigestrampelt.

Geholfen hat ihm dabei vor allem der Verein Arbeiterkind: „Ich wollte studieren. Durch diesen Verein habe ich ein klareres Bild vom Studium bekommen.“ Arbeiterkind ermutigt Schülerinnen und Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung, als erste in ihrer Familie zu studieren. Dafür engagieren sich bundesweit rund 6.000 Ehrenamtliche, die größtenteils selbst Studierende der ersten Generation sind, aus eigener Erfahrung berichten und als persönliches Vorbild fungieren.

Freiheit und Flexibilität

„Ich habe mich gefragt, was kann ich gut und mit welchen Leuten möchte ich arbeiten. Ich wollte gern ein akademisches Umfeld.“ Moritz Lenz möchte frei sein: im Kopf und auch räumlich. Deswegen entschied er sich gegen eine Präsenzuni und stattdessen fürs Fernstudium. Das sollte staatlich sein. So schrieb er sich zum Wintersemester 2018 an der FernUniversität für den Bachelor Wirtschaftsinformatik ein.

„Informatik ist international.“ Das passt zu ihm. Lenz lebt selbstbestimmt: „Deshalb ist ein Fernstudium für mich besser. So kann ich mein Umfeld wählen und bin flexibler im Zeitmanagement.“ Am Studium Wirtschaftsinformatik reizt ihn, die komplexen Sachverhalte im interdisziplinären Ansatz auszuarbeiten. Langfristig möchte sich Lenz auf den IT-Bereich konzentrieren. „Beruflich möchte ich später gern selbstständig arbeiten.“

Ein Mann und eine Frau nehmen an einer Demo teil. Foto: Moritz Lenz
In Spanien nahm Lenz an einer Demo von #FridaysForFuture teil.

Als Carpenter in Sydney

Vor anderthalb Jahren hat er den Hobel gegen die Tastatur getauscht und arbeitet vorwiegend am PC. Während seiner Ausbildung zum Zimmerer hat er bereits die Weiterbildung zum Zimmerer-Meister angefangen.

Im Anschluss arbeitete er zunächst selbstständig, vor allem im Bereich Ökologisches Bauen. „In Deutschland rennt man bei dem Thema immer noch gegen zu viele Türen, wenn man wirklich etwas verändern möchte.“

Nach einem halben Jahr Selbstständigkeit ging Lenz nach Australien, um als Carpenter in Sydney zu arbeiten. „Ich brauche die Freiheit, in ein anderes Land zu reisen und dort für eine Weile zu leben.“ Parallel keimte langsam der Wunsch danach, den Kopf weiter zu beschäftigen.

Online-Beratung für Fernstudierende

Bauwesen, Innenarchitektur – diese Fächer hätten nahegelegen. „Das war mir nicht frei genug.“ Gefühlt hätte er sich im selben Umfeld wie als Zimmerer bewegt. Außerdem hatte er den Eindruck, sich „künstlerisch nicht austoben zu können.“ Nun liest er Studienbriefe über Informatik mit betriebswirtschaftlichem Schwerpunkt, zu Entwurf, Entwicklung und Anwendung von Informations- und Kommunikationssystemen.

Aktuell hält er sich in Spanien auf. Da er an keinen Stundenplan gebunden ist, teilt er sich seine Zeit fürs Lernen frei ein. „Ich nutze die Bibliotheken vor Ort“, erzählt Lenz. Beschäftigt ist er zudem damit, Spanisch zu lernen.

„Ich möchte in einem akademischen Umfeld arbeiten.”

Moritz Lenz

Darüber hinaus ist er dabei, eine Online-Beratung für Fernstudierende zu initiieren, die ohne Abitur ins Studium starten. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer dieser Schritt sein kann und möchte andere unterstützen.“ Gern erstmal noch von Spanien aus. „Ich bleibe noch eine Weile hier. Es ist ein sehr spannende und aufregende Erfahrung, die mich menschlich wachsen lässt.“

Soziales Engagement

In seiner Wahlheimat Hanau hat er sich im Jugendbündnis engagiert – aus der festen Überzeugung heraus, dass „nur durch Taten eine gerechtere, sozial-ökologische Gemeinschaft zu erreichen ist.“ Lenz sieht sich selbst als Idealist und Optimist. Das Jugendbündnis betreibt politische Bildung und organisiert Veranstaltungen. Eine gesellschaftliche Debatte, die er in einer Arbeitsgruppe mit vorantreibt: die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Für sein soziales Engagement setzt Lenz das Deutschlandstipendium ein, dass er bekommt. Auf das Bundesförderprogramm ist er auch durch Arbeiterkind aufmerksam geworden. „Mit dieser finanziellen Unterstützung bin ich in der Lage, mich gesellschaftlich einzubringen und gleichzeitig mein Studium zu absolvieren.“

Anja Wetter | 02.07.2019